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Interview mit dem Hamburger Künstler Josef Greiner

Josef Greiner, geb. 1961
Ausbildung zum Bau - und Möbeltischler in München
3-jähriges Kunststudium in Hamburg
Seit 1998 Bildhauer, spezialisiert auf Möbelskulpturen

shrineart Möbelskulpturen oder auch Schrein, so nennen Sie Ihre Kunstwerke, was kann man sich darunter vorstellen?
Ein Schrein ist ein Gegenstand, eine Plastik, meistens mit einem Hohlraum, also ein Korpus. Er besteht aus großen und kleinen Teilen, die sinnvoll miteinander verbunden werden.
Teile die für die Konstruktion nicht von Nöten sind, aber trotzdem Bezug auf den Schrein nehmen, werden in das Gesamtbild mit einbezogen.
Die entstehenden Ornamente nehmen immer Bezug auf die ganze Plastik. Jedes Ornament wird bis in das kleinste Detail bearbeitet und der Schrein damit aussagekräftiger.
Wie es in unserer Welt vom Größten ins Kleinste und vom Kleinsten ins Größte geht, so versuche auch ich in und mit meinen Schreinen eine Verbindung zum Ganzen zu schaffen.

Das heißt Ihre Schreine sind verschönt mit Dingen, die gleichzeitig eine Bedeutung haben, die zu dem Schrein paßt?
Verschönt kann man nicht immer sagen. Es gibt auch Dinge, die auf den ersten Blick vielleicht befremdend auf den Betrachter wirken. Es ist sehr verschieden, viele Gegenstände sind auf den ersten Blick nicht leicht zu erkennen.
Je mehr Teile ich an einem Schrein verwende, je länger ich daran arbeite, um so länger wird auch der Betrachter hinterher brauchen, um diesen Schrein zu erforschen.
Für mich sind das alles Teile, oft handwerklich gefertigt teilweise auch industriell, die vom Material oder von der Form her, für mich noch einen Ausdruck beinhalten. Einen Ausdruck beinhalten der zu dem Schrein paßt.
Ein aufmerksamer Betrachter wird diesen Ausdruck bemerken und die Zusammenhänge verstehen.

Jeder Schrein ist ein Unikat, der eine ist ein Thron, der nächste eine Liege. Die Liege ist bespannt mit geflochten Gummireifen, wie kommen Sie auf diese Ideen?
Ich komme auf die Ideen weil ich gerne sammle. Ich sammle Schreinteile, d.h. ich sammle Teile in und aus meiner Umwelt, die ich dann zu einem Schrein zusammen baue.
Beim ersten ‚finden', entsteht schon oft eine Idee. Sie ist aber nicht unbedingt immer realisierbar weil z.B. die Größenordnung nicht stimmt. Aber diese Teile lagere ich bei mir ein und verwende sie dann für einen passenden Schrein. Ideen sind genug da, man muß sie natürlich noch ausführen. Die Teile müssen zubereitet werden, d.h. ich reinige sie und verändere sie so, dass sie in die Konstruktion passen.
Meine Aufgabe besteht darin diese Teile sinnvoll zusammenzufügen, so dass es ein Ganzes ergibt. Die Schwierigkeiten zu lösen, die während dem Arbeitsprozess entstehen und eine Aussage hineinzulegen, die jede Skulptur individuell und wertvoll macht. Die Inspiration könnte natürlich auch von einem Außenstehenden kommen, aber es hängt immer von den Teilen ab, die zur Verfügung stehen, bzw. von der entsprechenden Person gewählt werden.

Jeder Schrein hat eine bestimmte Aussage und eine Funktion. Sind Ihre Skulpturen, in ihrer Verwendung, alltagstauglich?
Absolut, jeder Schrein ist so gearbeitet, dass er benutzbar ist, aber diese Benutzung ist natürlich etwas anderes, als im herkömmlichen Sinne. Wenn man sitzen kann, dann sitzt man heutzutage meistens in einem Sessel oder auf einem Stuhl und gerade diese verschiedenen Sitzhöhen sind für mich interessant.
Bei einem Schrein geht es darum, den Gebrauch bewußter zu machen. Wenn man sich auf den Thron setzen will, geschieht das auf jeden Fall bewußt. Da allein das ‚besteigen' dieser Sitzgelegenheit, sich weitestgehend von den anderen Sitzmöbeln unterscheidet.
Eine weitere interessante Perspektive, wenn ich an einem Schrein arbeite, sind unter anderem die Türen. Denn Türen haben einen großen symbolischen Wert. Als Künstler kann ich mich damit befassen, diese Symbolik durch die Funktion bewusst werden zu lassen. Eine Tür muss geöffnet und geschlossen werden können aber wie das geschehen kann, ist variabel. Jedenfalls bei meiner Arbeit, im normalen Möbelbau sind diese Dinge natürlich vorgegeben. Die Beweglichkeit am Schrein ist etwas anderes, hier kann ich ungewöhnliche Lösungen finden und damit den Benutzer seine Handlung bewusster machen.
Die Benutzbarkeit meiner Schreine oder wie ich auch sage Möbelskulpturen, unterscheidet sich überhaupt von der im herkömmlichen Sinne im Möbelbau vorgegebenen. Sie haben nur ihre Ähnlichkeit durch das Material, dass an Möbel erinnert und Ähnlichkeiten im Gebrauch.
Aber es ist ja schon die Frage, ob man einen Thron - ein Möbel nennt? oder einen Altar als einen Tisch bezeichnet?
Der Gebrauch ist ähnlich, aber es geht darüber hinaus, dass Ganze wird sozusagen veredelt.
Ich fordere die Leute nicht direkt dazu auf, die Schreine in einer gewissen Form zu gebrauchen. Es ist eine art Unterstützung, wenn Sie es denn wollen.
Als Künstler finde ich es wichtig, wenn sich Leute z. B. unter regieren (Verwaltung von Macht) und dem Begriff thronen etwas vorstellen können. Auf meinen Vernissagen biete ich das manchmal an, jeder darf sich einmal auf den Thron setzen und seine Wünsche äußern. Natürlich geschieht das in spielerischer Form, aber allein das erhöhte Sitzen und die Möglichkeit Wünsche auszusprechen sind dazu geeignet, einen Gerechtigkeitssinn zu entwickeln. Aber der Gebrauch ist natürlich frei. Jeder setzt sich verschieden darauf und es soll auch frei sein.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von der eines Tischlers?
Die Fertigung unterscheidet sich ganz wesentlichen von anderen möbelfertigenden Betrieben, da die Arbeit auch eine ganz andere ist. Die Produktion und das Lager sieht ganz anders aus. Es ist eigentlich kein Vergleich möglich. Es ist eben eine Bildhauerwerkstatt.
In dieser Zeit des Materialismus und der industriellen Produktion mit Ihrer Teilherstellung, geht es mir darum, wie die Kunst doch immer darum bemüht ist, das Alles als Ganzes zu sehen, in der Komplexität.
Für mich ist es einfach den Produktionsprozess im Ganzen zu gestalten, denn ich fertige einzigartige Stücke. Ich gebrauche nur wenige Maschinen und ich liebe es mit altem Werkzeug zu arbeiten, manches ist schon eine Antiquität. Aber ich finde das toll und meinem Atelier verleiht es einen Charme der ein wenig an ein Museum erinnert, meine Besucher lieben das.
Die Arbeit als Schreinbauer ist abgeschlossen, wenn ich einen Schrein fertiggestellt habe. Aber dann geht es weiter auf Ausstellungen, in Galerien und zu Unternehmen, in Kirchen oder an einen anderen Ort und immer versuche ich, durch meine Werke, die Menschen durch drei Phasen in einen Denkprozess zu führen. Zuhören - überlegen - verstehen!

Sie versuchen auch den Recycling - Gedanken in Ihre Arbeit mit einzubeziehen, in welchem Maße findet das statt?
Es ist so, dass ich all mein Material aus der Umwelt sammle und mich dabei möglichst bewusst, von der Umwelt beeinflussen lasse. Das was ich finde bestimmt meine Produktion. Die Materie die ich von außen erhalte, wandle ich in meinem Inneren um und es entsteht, es materialisiert sich zu einem neuen Gegenstand, zu einem Kunstwerk, durch meinen Arbeitsprozess.
Genauso wie es der Mensch seit ewigen Zeiten tat und immer noch tut. Egal in welcher Form. Ich bin ein Jäger und Sammler, nur das ich es möglichst so machen, dass ich mir nicht mehr nehme, als ich brauche. Das heißt, natürlich spielt der Umweltgedanke immer eine Rolle.
Das gedankenlose produzieren von Ware ist eine Verschwendung von Rohstoffen und sollte stark eingeschränkt werden. Wir alle wissen, dass die Ressourcen unseres Planeten beschränkt sind und die nachfolgenden Generationen dies noch zu spüren bekommen. Ein verantwortungsvoller Umgang mit diesen Rohstoffen, sollte der Grundtenor jeder zivilisierten Gesellschaft sein.
Gebrauchsgegenstände die gefertigt werden und nach zwei Jahren nicht mehr zu gebrauchen sind erhöhen nur unsere Müllberge. Es darf nicht nur um Stückzahlen gehen sondern es muss auf den Erhalt einer weltweiten ‚gesunden' Produktion geachtet werden.
Deshalb bestimmt der Recycling - und Umweltgedanke meine Kunst.

Nun gibt es noch ein neues Projekt, eine Art Papierfurnier, können Sie das kurz erläutern?
Das Papierfurnier ist eigentlich nicht als Papierfurnier entstanden. Sondern der Gedanke, der dahinter steckt ist der, dass jede Produktion auch einen Ausschuß hat.
Da ich auch Maler bin, habe ich bei der Produktion meiner Bilder einen Ausschuß an Papier.
Das Papier, was sozusagen übrig bleibt, d.h. meine Restbilder benutze ich dann, um sie in neue Bilder umzusetzen. Die Restbilder, werden in Teile zerrissen und übereinander auf ein größeres Bild aufgeklebt, um Farbflächen zu gestalten.
Das Ganze wird unterstrichen mit neuen Farbflächen die dann wieder aufgetragen werden.
So entstehen eigentlich Papierteppiche.
Diese Papierteppiche eignen sich aber weitergehend dazu, wenn man den richtigen Grund hat, als Furnier genommen zu werden. Mein Zukunftstraum ist, dass irgendwann Papierfurnier das Holzfurnier ersetzt, besonders auch der Umwelt zuliebe.
Die gestalterischen Möglichkeiten sind auf Papier, dass wissen alle Maler, fast unbegrenzt.
Meine Furniere müssen nicht quadratisch sein, ich könnte sie gleich dreieckig herstellen, wenn sie denn auf einen dreieckigen Gegenstand aufgeleimt werden.
Ich kann die Fläche voll in diese Malerei mit einbeziehen und auch andersherum, die Malerei in das gesamte Stück. Gestalterisch ist sehr viel möglich und ich bin gespannt darauf, die ersten Platten verarbeiten zu können.

Einer Ihrer Werkstattpartner war ein gelernter Schmied, arbeiten Sie bewußt mit anderen Menschen zusammen?
Es kommt natürlich auf den Menschen an, im Prinzip aber schon. Gerne arbeite ich mit Menschen zusammen, mit denen ich mich auch austauschen kann. Es ist toll, mit Menschen zusammen zu arbeiten und sich gemeinsam über komplizierte Arbeitsabläufe zu unterhalten. Man kommt auf ganz andere Lösungen, als wenn man alleine vor einem Problem steht. Ich brauche auch Menschen, die tatkräftig mit zupacken, dass ist bei meinen Sachen wichtig, es gibt immer vieles zu tragen, vieles ist sehr schwer. Ich denke aber, dieses Bedürfnis nicht allein arbeiten zu wollen, trifft auf fast jeden Menschen zu, da bin ich sicherlich keine Ausnahme.
Schön wäre es, wenn in vielerlei Hinsicht ein anderer, bewußterer Umgang miteinander wieder praktiziert werden könnte. Das gilt auch für die betriebliche und wirtschaftliche Ebene.
Es darf nicht nur um die Kosten und Unkosten, den Umsatz vom letzten Jahr gehen.
Für viele ist es inzwischen unmöglich geworden gute, zwischenmenschliche Beziehungen an ihrem Arbeitsplatz zu pflegen oder auch, einen ganzen Produktionsprozeß bewußt zu erleben.
Dadurch kann, meiner Ansicht nach, die Arbeit qualitativ nicht so gut sein, denn es geht immer nur um Quantität.
Wichtig ist, dass bewussteres arbeiten, mit dem Material und aber auch miteinander, eine neue Form des Produktionsprozesses ermöglichen.

Interview von 1999
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