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Recycling als Kunst

"Wir fühlen uns manchmal wie im Aquarium", lacht Josef Greiner. Ein großes Schaufenster erlaubt Passanten nicht nur den Blick auf fertige Skulpturen des 41-Jährigen, sondern auch auf den Künstler bei der Arbeit. Seit einem halben Jahr ist der ehemalige Schulungsraum einer Fachschule im Betonkomplex City-Nord für Greiner und seine Freundin Iris Bettermann Atelier und Laden in einem. Hier macht der gelernte Tischler und studierte Bildhauer Josef Greiner Möbel, die auch Skulpturen sind - aus Dingen, die für andere Menschen keinen Wert mehr haben.
So war ein altes Türschloss, das er bei einem Urlaub am Strand fand, Ausgangspunkt für einen Sekretär. Nach und nach baute er das ganze Möbelstück um das Schloss herum. Die massive Tür ist mit eingelassenen Metallornamenten verziert - das waren mal Obst-Schalen. Die Beine entstanden aus einem knorrigen Stück Wurzelholz. Es wirkt, als wäre der ganze Sekretär direkt aus der Erde gewachsen. Auch die archaische Borg-Liege, die an ein Feldbett erinnert, ist ein gutes Beispiel für Greiners Möbel-Recycling. Das grüne Ruhelager hat eine pechschwarze Liegefläche - aus den Schläuchen von alten Autoreifen.
Die Möbelskulpturen sind meist etwas größer als gewohnt. An seinem Sekretär kann man zum Beispiel nicht sitzen, sondern stehen. Außerdem verbaut der Künstler nur massives Holz. Möbel nicht für ein paar Jahre, sondern für die Ewigkeit. Schließlich arbeitet er an manchen Stücken über ein halbes Jahr.


ein Auszug aus dem Artikel von Marc-André Rüssau 2003